Barbara Zeizinger
Lyrik und Prosa



Neu:

Begegnungen und Gespräche auf der Leipziger Buchmesse
vom 16. bis 20. März 2016


Flüchtlinge

Ebene von Ninive

Tage des Wartens. Pfade so schmal
und Orte verschwinden, plötzlich ist
nichts mehr wie es war, jeder Hügel
das Ende der Welt, Versprechen des
Himmels jede Nacht hinterfragt.
Kein Wasser Mond um Mond
nur Flugzeuge, nur Scherben im Sand.
Das Mädchen in Nahaufnahme schaut
mich an, Eltern, Geschwister dahinter,
verschwommen das ganze Dorf.
Wohin sie laufen zeigt der Wind
zeigen Röcke, Mäntel, zeigen Haar
hin zur Kamera, hin zu uns.


Liebe allein genügt nicht

Auf dem staubigen Acker in der Bekaa-Ebene im Libanon ist es heiß, die Julisonne verlängert die Schatten. Seit dem frühen Morgen sammelt Nesrin Zwiebeln auf, wirft sie in Säcke, die er, wenn sie voll sind, kaum schleppen kann. Nesrin hat Durst. Er teilt sich das Wasser gut ein. Im Lager gibt es für Flüchtlinge immer weniger zu essen und zu trinken. Papa darf nicht arbeiten, deshalb muss Nesrin Geld verdienen und kann nicht in die Schule gehen. In letzter Zeit spricht Papa oft davon, den Libanon zu verlassen, aus Liebe zur Familie, weil sie alle im Lager keine Zukunft hätten. "Jihan", hat Mama gesagt, mitten im Satz gestockt und schwer geatmet, "Liebe allein genügt nicht zum Überleben. Zada ist zu klein für die Flucht, du und Nesrin, ihr könnt es schaffen." Mama hat Angst, vor der Gefahr auf dem Meer, vor dem weiten Weg und am meisten vor den Männern, die ihnen den Weg zeigen sollen. Vor alldem hat auch Nesrin Angst und er will sich nicht von Mama und dem Baby trennen. Nesrin nimmt eine Zwiebel in die Hand. Er stellt sich vor, wie irgendwann eine Frau die Schalen entfernt, damit sie die Zwiebel für ein Gericht in kleine Stücke schneiden kann. Er versucht sich auszumalen, wo er zu diesem Zeitpunkt sein wird. Sicher am Ende der Welt.

***

In Istanbul in der Nähe des Aksaray-Platzes hat das Licht eine bleierne Färbung, es weht ein sanfter Wind. Jihan kauft zwei Rettungswesten, eine für sich, eine für Nesrin, er hat die Wahl, es gibt viele Westen, sie werden gebraucht. "Nimm eine rote", sagt Jihan, "die sieht man am besten", (falls das Boot kentert), das sagt er nicht, auch nichts anderes Schreckliches, nur: "nimm eine rote." Nesrin weint, sieht winzige Westen, warum sind Mama und das Baby nicht hier? Er fühlt sich fremd, vermisst Mutter und Schwester, nicht weinen, er ist doch schon neun. Papa zählt sein Geld, "sie kommen später", sagt er in der Nacht auf dem Meer, "vielleicht legal mit dem Flugzeug." Später, denkt Nesrin, sind sie vielleicht schon tot. Er klammert sich an den Bootsrand, Rauschen und Rufen überall, Menschen in Rettungswesten, orangefarben, rosa und rot, die sieht man am besten, doch die Dunkelheit verschluckt die Farben, verschluckt Nesrin, nur dessen Angst verschwindest nicht. Wenn Wasser ins Boot schwappt, schreit er auf, dann vergisst er sogar Mama und das Baby. "Am Ufer sind wir gerettet", Papa streicht ihm über den Kopf, "die Menschen in den fremden Ländern werden uns willkommen heißen, sie wissen vom Krieg." Die See ist ruhig. Auf dem Wasser schwimmt ein vergessener Mond. Dann kommen Wolken und der Mond ertrinkt.

***

Holla, da ist sie, die Invasion der Immigranten, lateinisch invadere, meint eindringen, überfallen, meint, laut Wikipedia, Soldaten in einem fremden Land: Konsequenzen, absehbar negativ. Dies sind nur Halbsätze, jetzt aber stehen Jihan und Nesrin vor uns, ihr Leben in zwei Rucksäcke gepackt. Sie suchen Schutz (Ursache siehe oben) in einem Land, das sich gut auskennt mit, laut Duden, feindlichem Einfall, mit Invasionen, lateinisch invadere. Nicht jeder Philologe, nicht jeder Politiker scheint philologisch, scheint etymologisch gebildet zu sein, vielleicht aber doch und er wählt seine Worte bewusst, dann fliegen sie wie Samen im Wind, obwohl schon Kinder wissen, wer Schutz sucht, wer vertrieben, wer geflüchtet ist, kommt ohne Waffen, ohne Panzer, lässt sein Land, sein Haus, (manchmal Frau und Babytochter), lässt alles zurück, flieht nicht freiwillig vor Tod und Teufel, unsere Achtsamkeit braucht er, damit er nicht ertrinkt, damit der lange Marsch gelingt. Jihan und Nesrin, sollen ankommen, angstfrei, endlich.

***

Ich bin, ich bin nicht. "Sprache ist In-te-gra-tion", die Lehrerin spricht laut. Die Dolmetscherin übersetzt und erklärt das Wort, ja, Integration ist gut, die will auch Nesrin. Sonnenlicht bricht sich in Fensterscheiben, Stifte und Blätter liegen bereit. Nesrin wartet auf wichtige Worte: Hallo, Hilfe, Herzlichkeit. "Das ist ein Haus, das ist ein H, ein A, ein U, ein S." Nesrin würde gern von seinem Zuhause erzählen, wie es vor der Bombe aussah, von dem Granatapfelbaum im Garten, ich war glücklich, denkt er, wie lange ist das her, wie bitte heißt Heimweh? Nesrin schwebt im Nirgendwo, fühlt sich losgelöst von der Zeit, von dem Ort, von Himmel und Erde. Für seine Flucht hat er nur Träume, keine Worte, will keine haben. Er braucht neue Worte, die muss er lernen, für sich, für Mama und Zada, damit er ihnen helfen kann, wenn sie endlich kommen. Die Lehrerin heißt Maria, das steht an der Tafel und zusammen sprechen sie den Namen nach. "Das ist unser Nesrin", sagt die Lehrerin, sie lächelt ihn an. Plötzlich ist der Raum mit Hoffnung ausgeschlagen, das ist wie starker süßer Tee. Bald, denkt Nesrin, werde ich nicht mehr schweigen müssen, werde ich sagen können ich werde sein.

***

Am weißen Kanal - Roman

Der Junge spuckte aus, warf den Zigarettenstummel auf den Boden und näherte sich dem Motorrad. Mit dem Ärmel seiner Uniform wischte sich der Fahrer Schweiß von der Stirn. Er legte das Werkzeug beiseite.
Der Junge betrachtete das Motorrad von allen Seiten. "Una BMW." Seine Stimme klang anerkennend. Er streckte dem Fahrer die Hand hin. "Sono Giorgio", sagte er." Er deutete auf die Maschine. "È rotta, kaputt."
"Dieser verdammte Krieg macht alles kaputt, Giorgio", sagte der Fahrer.

***

Der ehemalige Staatsanwalt Günther Rosenbach ertrinkt mit achtzig Jahren im Rhein, als er völlig unüberlegt helfen will, einen vierjährigen Jungen zu retten.

Seine Enkelin, die dreißigjährige Darmstädter Journalistin Irene Fischer, trauert um ihren Großvater, dem sie eng verbunden war. Als sie die Wohnung des Toten ausräumt, entdeckt sie mehrere alte Fotos von einem etwa vierzehn Jahre alten Jungen und dem jungen Günther Rosenbach in Uniform. Einer Notiz auf der Rückseite eines der Fotos mit dem Namen des Jungen, Giorgio, entnimmt sie, dass die beiden sich näher gekannt haben mussten.

Obwohl sie die Zusammenhänge nicht erkennen kann, spürt sie, dass über dieser Begegnung ein Geheimnis liegt. Irene entschließt sich, nach Italien zu reisen und auf Spurensuche zu gehen.

Der Roman spielt vor historischem Hintergrund, die Handlung bewegt sich auf zwei Zeitebenen. Er beschreibt Irenes Spurensuche im Jahr 2005 und erzählt die Geschichte des jungen Soldaten Günther Rosenbach, der zwischen 1943-1945 als Wehrmachtssoldat in Italien war. Und schließlich hat zusätzlich der Junge Giorgio eine wichtige Stimme, denn er hat als Einziger der drei Hauptpersonen wirklich gelebt.

Die Arbeit an dem Roman wurde vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit einem Arbeitsstipendium gefördert.

Gespräch mit Eric Giebel:   faustKULTURTIPPS

Rezensionen

Eric Giebel auf faustKULTURTIPPS

Weinheimer Nachrichten
Jürgen Drawitsch am 15. Januar 2015
in den Weinheimer Nachrichten
zum Roman "Am weißen Kanal"

Darmstädter Echo
Johannes Breckner am 24. Dezember 2014
im Darmstädter Echo

Klaus Martens auf FIXPOETRY

Barbara Zeizinger
Am weißen Kanal
Pop Verlag, 2014, 220 Seiten, 15,50 Euro
ISBN: 978-3-86356-094-2